Die Nachteile moderner Kommunikation?

Da ich mir vermutlich eine Gastroenteritis zugezogen habe, verbringe momentan viel Zeit auf dem Bett, den Laptop als Ablenkungsmedium von den Bauchschmerzen griffbereit. Daher verfolge ich schon seit heute morgen die Polizeiaktionen gegen die mutmaßlichen Bombenleger von Boston.

Da mir ein Fernseher in der Wohnung fehlt greife ich auf verschiedene Möglichkeiten des Internets zurück. Dabei nutze ich sowohl eher klassische Nachrichtenseiten wie SpOn (hin und wieder auch Bild) sowie soziale Netzwerke im Internet. Dabei habe ich folgende Beobachtung gemacht: sowohl klassische Nachrichtenabieter als soziale Netzwerke bieten ihren Besuchern die Möglichkeit sich minutenaktuell mittels eines Live-Tickers über die Geschehnisse zu informieren. Die klassischen Nachrichtenanbieter hängen jedoch immer einen Ticken hinten dran. Doch ist es wichtig so aktuell über alles informiert zu sein?

Nun in diesem Fall ist es für alle Seitenbesucher außerhalb Bostons wohl irrelevant, ob sie die Informationen 5 Minuten später bekommen. Für Bewohner Bostons stellt dies jedoch womöglich eine lebenswichtige Information dar (zum Zeitpunkt des Schreibens ist der Ausgang der Ereignisse noch unklar).

Doch ein Blick auf die qualitativen Merkmale macht noch etwas weiteres deutlich. Während es im Journalismus notwendig ist Fakten zu überprüfen fehlt ein solcher Mechanismus in den Sozialen Netzwerken scheinbar. Deutlich machen möchte ich dies anhand eines Eintrags auf der  Social News Aggregator Seite Reddit. Dort hatte in der Nacht vom 18. auf den 19. April der Nutzer JpDeathBlade einen Eintrag eröffnet, in dem er die lokalen Bürger über die Geschehnisse rund um die Ermittlungen auf dem Laufenden halten wollte.

Offenbar verfolgt JpDeathBlade die Ereignisse nicht nur mittels handelsüblicher Medien- bzw. Onlineangebote, sondern auch mittels eines Scanners, der es erlaubt den Polizeifunk zu hören (etwas, dass bei uns strafbar ist). Dadurch fließen in den Informationsstrom des Beitrags immer wieder Details, die man so auf anderen Seiten nicht lesen kann. Doch gerade darin sehe ich zwei Gefahren. Zum einen wird im Polizeifunk alles gemeldet, was die Beamten mitbekommen bzw. an ihre Zentrale weiterleiten. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass es sich dabei um tatsächliche Fakten handeln muss. Es kann durchaus sein, dass Polizisten dort nur erste Vermutungen äußern oder nichts mit dem Fall Zusammenhängendes melden. Ungeachtet dieser Gedanken wird im Eintrag von JpDeathBlade bzw. im zweiten Beitrag alles gepostet was im Scanner gehört wird. Es besteht durchaus die Gefahr der Irreführung.

Ein anderes Problem sehe ich darin, dass auf diesem Wege Informationen über die Polizeiarbeit, die nicht für alle bestimmt sind in die Öffentlichkeit gelangen. Dadurch wird nicht nur die Polizei in ihrem Vorgehen behindert, sondern womöglich der Flüchtige mit nützlichen Informationen versorgt. Denn machen wir uns mal nichts vor, wir leben im modernen Informationszeitalter, indem wir dank unserer Smartphones permanent Zugriff auf Twitter, Reddit und sonstige Onlinequellen haben. Vermutlich sah dies auch JpDeathBlade ein, denn er schrieb zwischenzeitlich EDIT 9:13 EDT: Personal blackout to prevent info getting to White Hat. EDIT Scanner offline.” Doch diese ungewollte Informationsflut betrifft scheinbar nicht nur diesen besagten Eintrag sondern betrifft gar ein ganzes Netzwerk. Natürlich beschäftigen sich Menschen auf Twitter mit dem, was sie gerade bewegt, doch scheinbar werden auch hier Dinge gepostet die zu viel Einblicke in das Vorgehen der Polizei gewähren. Denn laut eines Eintrages Twitter beschwert sich diese über das Verhalten der Community:

Da wurden Erinnerungen in mir wach an die Ereignisse bei den Olympischen Spielen 1972 in München, als Israelische Sportler entführt und ermordet wurden. Damals musste eine Rettungsaktion der Geiseln abgeblasen werden, da die Terroristen über die Liveübertragung erfuhren, dass diese Aktion vorbereitet wurde.

Da kann man natürlich argumentieren und sagen, dass Social Media und alles was die Masse bearbeitet effektiver ist, aber ist das immer richtig? Auf dem Redditeintrag gabe nach einiger Zeit zahlreiche Antworten, in denen Nutzer Informationen über die beiden Verdächtigen im Internet ermittelt hatten. Diese wurden dann auch beispielsweise von Spiegel Online aufgegriffen. Die Informationen wurden also veröffentlicht, nachdem relativ sicher war, dass es sich um echte, richtige Informationen handle. Dennoch bleibt immer ein gewisses Gefühl der Unsicherheit ob das denn wirklich nicht nur gut gefaked ist usw.

Ich persönlich begrüße den Trend anderen Mittels Informationsgenerierung und -weitergabe helfen zu wollen. Dennoch sollte man sich bei der Nutzung solcher Angebote immer im Klaren darüber sein, dass man den erhaltenen Informationen nicht leichtgläubig trauen sollte. Das Internet ist immer noch ein riesiger Ort, an dem man weitestgehend anonym agieren kann und bietet daher die optimale Möglichkeit andere zu täuschen (bewusst oder unbewusst).

 

PS: Ein Nachtrag von JpDeathBlade belegt, dass er/sie (?) sich auch der Gefahr bewusst ist die Polizeiarbeit zu behindern und bestimmte Informationen seines Scanners aus der “Berichterstattung” auslässt:

EDIT 176 12:42: About EDIT 173, I don’t really know what it is. They aren’t saying many details, they are checking on a vehicle, but other than that the only details are unit number and specific locations. Which is exactly what they asked not be posted. If something happens I’ll post the aftermath. And this is the first time they specifically said on the scanner not to mention something on the air.

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